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Der Trend zum Trend-Sein- Blendwerk oder Innovation in der Winzerlandschaft?

In dem Trubel der Weinmesse „Wein total“ in Hofheim fiel ein Winzer auf. Mit langen grau melierten Haaren und sehr, sehr bunten Etiketten auf seinen Weinflaschen.

 

Ein Blick auf das Programm der Veranstaltung und die Spannung stieg nach mehr. Dort wurde spontan vergorener Wein angeboten und Namen wie „Sugarbabe“ oder „Old School“ lockten so einige Besucher zu dem Stand des Winzers, dessen Auftreten nach Rebell in dieser Zunft der Weinbauern sprach.

 

Mein Interesse an seinem Wein war klar geweckt.
Fragen zu seinem Wein, der Entstehung spontan vergorenen Weins und warum man einem Wein den Namen „Sugarbabe“ oder „Old School“ gibt, wurden freundlich und umfassend erklärt.

Es schien ehrlich eine erfrischende und authentische Innovation auf dem Weinmarkt zu sein.

Ein spontaner Blick auf die Preisliste verriet bereits hier, dass auch Rebellen Ihren Preis haben.

Ein ebenso schreiend auffällig wie wohl gewollt improvisiert gestalteter Flyer wies auf das Hoffest in Anthony´s Garage Vinery  an vergangenem Wochenende hin.

Toll dachte ich, dass sehen wir uns an. Wollten wir dem Wein gerne eine zweite Chance geben uns zu überzeugen, dass seine Qualität dem Preis in nichts nach steht.

Der Flyer versprach zudem Kulinarik, was will man mehr.

 

Gute Beschilderung im Örtchen Oestrich,führte uns sicher und schnell zum Garagen-Weingut.

Und die Überraschung war groß, als wir herausfanden, wo die Menschen unter 40 Ihren Wein kaufen- nämlich hier. Im Publikum schienen zum Großteil Mitmenschen unseres Alters zu verweilen, die wir auf den übrigen Weinproben der Gegend noch nie gesehen haben.

Bei unserer Ankunft konnten wir beobachten, wie ein mitteljunger Mann – im Geiste wohl sehr jung geblieben, trug er doch Cargohosen und Bob-Marley Wollmützen- Weinkisten im Wert von ca. 400 Euro zu seinem Porsche Cayenne transportieren ließ.

Toll- so dachte ich- das Land der Rebellen- zumindest nach außen hin.

 

Gut, Klatsch und Tratsch mal beiseite- schließlich wollte Wein verköstigt und kulinarisch geschlemmt werden.

Nach kurzem Abwägen – erst Essen oder erst Wein- schlugen wir den Weg zur Tränke ein.

Dort präsentierten sich erneut schillernd bunte Weinflaschen, die allein durch Ihr Auftreten wohl überzeugen sollten. Auf die Frage nach dem Restzucker von „Sugarbabe“ konnte die nette Schankgehilfin leider nur Schätzangaben machen.

 

Entschieden wir uns ganz traditionell also wieder für „Old School“. Leider, so zumindest mein Eindruck, schmeckte der Wein heute irgendwie zwischen ok und leicht säuerlich.

Auf der Messe wirkte er deutlich raffinierter im Geschmack. Vielleicht habe ich mich von der Innovation blenden lassen.

Oder vom Marketing- hier haben die Weine sogar echte, eigene Autogrammkarten.

Zumindest hier gibt es dann auch einige Angaben zum Wein, die fast schon wieder hinter der plakativen Aufmachung verschwinden.

 

Zwischendrin wollten wir uns zur Essensausgabe begeben. Bevor wir diese allerdings erreichten, erhaschte ich einen Blick auf die Speisekarte. Dort stand in einer Zeile das Wort Hot-Dog und die Preisangabe 9 Euro.
Ich las weiter und suchte den Hinweis, dass ein Barren Gold im Preis inklusive sei. Schottischer Lachs und Forelle, aus der die Wurst im Hot-Dog gemacht war, scheinen in Barrengold aufwiegbar zu sein.

 

Nun hatten wir am Wochenende zuvor eine wirklich spannende Kombination aus Dreierlei Handkäse beim Weingut Molitor gegessen- für 5,50 €. Ich gebe zu, hier ist das Publikum eher bodenständig als hip, die Etiketten weniger laut aufgemacht und auch hier hielt schon der ein oder andere Wein nicht was er versprach, aber der Preis kommt mir um einiges ehrlicher vor.

 

Nun, begeben wir uns wieder in die Garage Vinery. Hier spielt gerade eine stark gealterte Band mit Ponchos und ledriger Haut auf. Innovativ verglichen mit den üblichen Blaskapellen oder wird mir hier wieder etwas Authentizität vorgegaukelt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wie kann dieser alternative Lebensstil der ökologisch und sozial Interessierten eigentlich so überteuert sein?

Wie bezahlt man das, wenn man so tief an Solidarität und das Gemeinwohl glaubt?

 

Das Marketing um diese Produkte herum ist wirklich gut und bunt gemacht. Der Erfolg scheint für sich zu sprechen, lockt es doch die gewünschte Zielgruppe an Alternativen und Andersdenkenden an, die sich anscheinend auch noch eines prall gefüllten Geldbeutels erfreuen.

Ich kann nicht mal sagen, dass mir der Wein so gar nicht schmeckt. Auch würde ich ihn als Geschenk jederzeit kaufen, weil es wirklich ein Gag ist, aber betrachte ich das Preis-/Leistungsverhältnis, so hinkt die Qualität leider doch zurück.

Nun bin ich von Hause aus kein Marketer, sondern beschäftige mich mit Qualitätsmanagement. Qualität kann ich nur demjenigen zusprechen, der Schein und Sein in Einklang bringt. Ich kann mich hier nicht so recht von der Authentizität überzeugen lassen.